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Multiple Sklerose (MS)

Inhaltsverzeichnis

Was ist Multiple Sklerose?

  • Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche, immunvermittelte Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS). 
  • Bei MS greift das Immunsystem irrtümlich körpereigene Strukturen an – insbesondere die Myelinscheiden, die die Nervenfasern isolieren.
  • Die Symptome und der Verlauf können bei MS sehr unterschiedlich ausfallen. Deshalb wird oft auch von der „Krankheit mit den 1000 Gesichtern“ gesprochen. 
  • Oft vergeht von den ersten Beschwerden bis zur Diagnose viel Zeit, weil die Anzeichen insbesondere zu Beginn der Erkrankung unspezifisch sind.

Wie häufig ist Multiple Sklerose?

Die Multiple Sclerosis International Federation (MSIF) geht davon aus, dass weltweit rund 2,8 Millionen Menschen mit MS leben. In der Schweiz sind nach Angaben der Schweizerischen Multiple Sklerose Gesellschaft rund 18.000 Menschen betroffen.

Wer ist betroffen?

  • MS beginnt meist im jungen Erwachsenenalter zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr. Das Durchschnittsalter bei der Diagnose ist 32 Jahre.
  • MS kann allerdings auch schon bei Kindern und Jugendlichen auftreten: Laut MSIF leben weltweit mindestens 30.000 Personen unter 18 Jahren mit Multipler Sklerose.
  • Frauen sind etwa zwei- bis dreimal häufiger betroffen als Männer.

Ist MS heilbar?

MS ist nicht heilbar, aber durch moderne Therapien gut behandelbar. Eine frühzeitige Diagnose und konsequente Behandlung können das Fortschreiten deutlich verlangsamen.

Was passiert bei MS im Körper?

Multiple Sklerose betrifft das Zentralnervensystem, also Gehirn und Rückenmark. Dort verlaufen die Nervenbahnen, die Informationen zwischen Körper und Gehirn weiterleiten.

Viele Nervenfasern sind von einer Schutzschicht umgeben, dem Myelin. Man kann sich Myelin wie die Isolierung eines Stromkabels vorstellen: Es sorgt dafür, dass elektrische Signale schnell und störungsfrei weitergeleitet werden.

Bei MS kommt es zu einer fehlgeleiteten Abwehrreaktion. Das Immunsystem greift fälschlicherweise Bestandteile des eigenen Nervensystems an. Dadurch entsteht eine Entzündung, welche die Hülle der Nerverenzellen schädigt. (Demyelinisierung)

Die Folge: Nervenimpulse werden langsamer weitergeleitet oder kommen unvollständig an. In manchen Fällen wird die Signalübertragung ganz blockiert. 

Neben der Schädigung der Myelinscheide können bei MS auch die Nervenfasern (Axone) selbst betroffen sein. Diese axonalen Schäden tragen dazu bei, dass neurologische Ausfälle dauerhaft bestehen bleiben oder sich nur unvollständig zurückbilden.

Symptome: Wie macht sich Multiple Sklerose bemerkbar?

MS-Symptome können sehr unterschiedlich sein. Das liegt daran, dass Entzündungsherde im Gehirn oder Rückenmark an verschiedenen Stellen entstehen können. Je nachdem, welche Nervenbahnen betroffen sind, zeigen sich unterschiedliche Beschwerden – etwa Sehstörungen, Gefühlsstörungen, Muskelschwäche oder Gangprobleme.

Typisch für MS ist ausserdem, dass Symptome kommen und gehen können. In frühen Krankheitsstadien treten sie häufig schubweise auf und können sich danach teilweise oder vollständig zurückbilden.

Häufige Frühsymptome

Zu Beginn der Erkrankung sind die Beschwerden oft unspezifisch, was eine Diagnose erschwert. Häufige erste Anzeichen sind:

 

  • Sehstörungen: Verschwommenes Sehen, Schmerzen bei Bewegung der Augen oder Doppelbilder. Häufig steckt eine Entzündung des Sehnervs dahinter.
  • Gefühlsstörungen: Kribbeln, Taubheit, Empfindungsstörungen oder ein „Ameisenlaufen“ in Armen, Beinen oder im Gesicht.
  • Muskelschwäche: MS-Betroffene bemerken beispielsweise, dass ein Arm oder ein Bein plötzlich weniger Kraft hat.
  • Koordinationsprobleme: Unsicherer Gang oder Schwierigkeiten bei feinmotorischen Bewegungen.
  • Schwindel und Gleichgewichtsstörungen

 

Diese Symptome können einzeln oder in Kombination auftreten.

Weitere mögliche Symptome

Mit fortschreitender Erkrankung können zusätzliche Beschwerden auftreten. Dazu gehören unter anderem:

 

  • Spastik: Eine erhöhte Muskelspannung, die zu steifen Bewegungen führen kann.
  • Gangstörungen: Schwierigkeiten beim Gehen oder eine zunehmende Unsicherheit beim Stehen.
  • Blasenstörungen: Häufiger Harndrang, Schwierigkeiten beim Wasserlassen oder ungewollter Urinverlust.
  • Darmprobleme: Verstopfung oder selten auch Stuhlinkontinenz.
  • Fatigue: Eine ausgeprägte, oft belastende Erschöpfung, die durch Ruhe nicht vollständig verschwindet.
  • Kognitive Veränderungen: Probleme mit Konzentration, Aufmerksamkeit oder Gedächtnis.
  • Schmerzen: Zum Beispiel Nervenschmerzen oder Muskelbeschwerden.

 

Nicht alle Betroffenen entwickeln alle Symptome. Die Beschwerden können sich zudem im Krankheitsverlauf verändern.

Was ist ein MS-Schub?

Bei vielen Menschen verläuft MS zunächst schubförmig. Ein Schub bedeutet, dass neue neurologische Symptome auftreten oder sich bestehende Beschwerden deutlich verschlechtern.

Typischerweise gilt ein Ereignis als MS-Schub, wenn:

 

  • neue Symptome auftreten oder sich bestehende verschlimmern,
  • die Beschwerden mindestens 24 Stunden anhalten,
  • und keine Infektion oder Fieber die Ursache ist.

 

Ein Schub kann einige Tage bis mehrere Wochen dauern. Danach bilden sich die Symptome oft teilweise oder vollständig zurück.

Verlaufsformen

Multiple Sklerose kann sehr unterschiedlich verlaufen. Fachleute unterscheiden mehrere Verlaufsformen, die sich darin unterscheiden, wie sich die Beschwerden im Laufe der Zeit entwickeln.

Schubförmig-remittierende MS

Die häufigste Verlaufsform zu Beginn der Erkrankung ist die schubförmig-remittierende MS (Relapsing Remitting Multiple Sclerosis, RRMS).

Typisch sind:

  • Schübe, bei denen neue Symptome auftreten oder bestehende sich verschlechtern
  • Phasen der Erholung, in denen sich Beschwerden teilweise oder vollständig zurückbilden
  • Unterschiedlich lange beschwerdefreie Zeiträume zwischen den Schüben

Sekundär progrediente MS

Bei einem Teil der Betroffenen geht die schubförmig-remittierende MS im Verlauf in eine sekundär progrediente MS (SPMS) über. Dabei kommt es zu:

  • Einer allmählichen Verschlechterung der neurologischen Funktionen
  • Zunehmenden Einschränkungen, die auch zwischen den Schüben bestehen bleiben
  • Teilweise weiterhin auftretenden Schüben

Durch moderne Therapien kann dieser Übergang heute häufig deutlich hinausgezögert werden.

Primär progrediente MS

Eine seltenere Verlaufsform ist die primär progrediente MS (PPMS). Sie betrifft etwa 10 bis 15 % der Menschen mit MS. Kennzeichnend sind:

 

  • Eine langsame, kontinuierliche Verschlechterung der Symptome von Beginn an
  • Meist keine klar abgegrenzten Schübe
  • Häufig späterer Krankheitsbeginn als bei der schubförmigen MS

 

Die Verlaufsformen können sich im Laufe der Erkrankung verändern, weshalb eine regelmässige neurologische Kontrolle wichtig ist.

Was sind die Ursachen von Multipler Sklerose?

Die genaue Ursache der Multiplen Sklerose ist bis heute nicht vollständig geklärt. Nach aktuellem wissenschaftlichem Stand entsteht die Erkrankung wahrscheinlich durch ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren:

  • genetische Veranlagung
  • Umweltfaktoren
  • Infektionen

Treffen diese Einflüsse zusammen, kann das Immunsystem fehlgeleitet reagieren und eine chronische Entzündung im zentralen Nervensystem auslösen.

Genetische Faktoren

MS ist keine klassische Erbkrankheit, dennoch wird davon ausgegangen, dass genetische Faktoren eine Rolle spielen. Studien zeigen beispielsweise:

  • Das Risiko für MS ist erhöht, wenn enge Verwandte (z. B. Eltern oder Geschwister) betroffen sind.
  • Bestimmte genetische Varianten können das Immunsystem beeinflussen und damit die Anfälligkeit für Autoimmunerkrankungen erhöhen.
  • Trotzdem gilt: Eine genetische Veranlagung allein reicht nicht aus, um die Krankheit auszulösen.

Infektionen

Eine frühere Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus gilt als wichtiger Risikofaktor. Studien zeigen, dass fast alle Menschen mit MS zuvor eine EBV-Infektion durchgemacht haben. Eine EBV-Infektion allein führt jedoch nicht automatisch zur Erkrankung.

Umweltfaktoren

Neben genetischen und infektiösen Faktoren werden auch verschiedene Umweltfaktoren mit der Entstehung von MS in Verbindung gebracht. Dazu gehören zum Beispiel ein Vitamin-D-Mangel, Tabakkonsum oder Übergewicht in der Jugend.

Wie wird Multiple Sklerose diagnostiziert?

Die Diagnose der Multiplen Sklerose wird durch Neurolog:innen gestellt. Da die Symptome sehr unterschiedlich sein können, basiert die Diagnose meist auf mehreren Untersuchungen. Wichtig ist dabei der Nachweis, dass entzündliche Veränderungen an verschiedenen Stellen im zentralen Nervensystem und zu unterschiedlichen Zeitpunkten auftreten.

 

  • Anamnese und neurologische Untersuchung: Zu Beginn der Diagnostik steht ein ausführliches Gespräch über die Beschwerden und deren Verlauf. Anschließend folgt eine neurologische Untersuchung, bei der zum Beispiel Muskelkraft, Reflexe, Koordination und Empfindungen überprüft werden.
  • Magnetresonanztomographie (MRT): Die wichtigste Untersuchung bei Verdacht auf MS ist die Magnetresonanztomographie (MRT). Mit ihr lassen sich Entzündungsherde im Gehirn und Läsionen im Rückenmark sichtbar machen.
  • Untersuchung des Nervenwassers: In vielen Fällen wird zusätzlich das Nervenwasser (Liquor) untersucht. Dabei können sogenannte oligoklonale Banden nachgewiesen werden, die auf eine chronische Entzündung im zentralen Nervensystem hinweisen.
  • Evozierte Potentiale: Mit sogenannten evozierten Potentialen (zum Beispiel visuell evozierten Potentialen, VEP) lässt sich messen, wie schnell Nervenreize weitergeleitet werden. Verzögerungen können auf Entzündungsherde im zentralen Nervensystem hinweisen.
  • McDonald-Kriterien: Die endgültige Diagnose erfolgt häufig anhand der McDonald-Kriterien. Diese international anerkannten Kriterien kombinieren klinische Symptome, MRT-Befunde und Laborergebnisse, um Multiple Sklerose möglichst früh und zuverlässig zu diagnostizieren.

 

Wichtig ist ausserdem, andere mögliche Ursachen der Beschwerden auszuschliessen, da MS eine sogenannte Ausschlussdiagnose ist.

Therapie: Wie wird Multiple Sklerose behandelt?

Multiple Sklerose ist derzeit nicht heilbar. Die Behandlung zielt deshalb darauf ab, die Krankheitsaktivität zu reduzieren, Schübe zu behandeln und Beschwerden zu lindern. Moderne Therapien können bei vielen Betroffenen den Verlauf der Erkrankung deutlich verlangsamen. 

Welche Therapie im Einzelfall geeignet ist, wird individuell in Abstimmung mit einer neurologischen Fachpraxis oder einem spezialisierten MS‑Zentrum festgelegt. Dabei werden Krankheitsaktivität, Begleiterkrankungen und persönliche Lebenssituation berücksichtigt.

Medikamentöse Therapie

Grundsätzlich lassen sich drei Behandlungsansätze unterscheiden:

 

  • Schubtherapie: Tritt ein MS-Schub auf, wird dieser in der Regel mit hoch dosierten Kortisonpräparaten behandelt. Diese Medikamente wirken entzündungshemmend und können dazu beitragen, dass sich die Beschwerden schneller zurückbilden.
  • Verlaufsmodifizierende Therapie: Es gibt verschiedene Substanzen, die eingesetzt werden, um die Krankheitsaktivität zu reduzieren. Sie können dazu beitragen, die Häufigkeit von Schüben zu verringern, neue Entzündungsherde im Gehirn zu verhindern und das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen.
  • Symptomatische Behandlung: Zur Linderung einzelner Symptome können beispielsweise Medikamente gegen Spastik (erhöhte Muskelspannung), zur Behandlung von Blasenstörungen, zur Schmerztherapie oder zur Verringerung von Fatigue oder Schlafstörungen eingesetzt werden.

Nicht-medikamentöse Maßnahmen

Ergänzend spielen auch nicht-medikamentöse Massnahmen bei der Therapie von MS eine wichtige Rolle. Dazu gehören unter anderem:

 

  • Physiotherapie, um Beweglichkeit und Muskelkraft zu erhalten
  • Ergotherapie, zur Unterstützung im Alltag
  • Logopädie, bei Sprech- oder Schluckstörungen
  • Psychologische Unterstützung, etwa bei Depression oder Belastungsreaktionen

 

Diese Massnahmen können helfen, die Lebensqualität zu verbessern und die Selbstständigkeit möglichst lange zu erhalten.

Pflege von Menschen mit MS

Multiple Sklerose kann den Alltag der Betroffenen langfristig beeinflussen. Da viele Menschen über Jahrzehnte mit der Erkrankung leben, spielt MS auch in der Betreuung von Senior:innen eine wichtige Rolle.

Pflegefachkräfte tragen mit gezielten Massnahmen dazu bei, Selbstständigkeit, Mobilität und Lebensqualität der Betroffenen zu erhöhen. Dazu gehören unter anderem:

 

  • Unterstützung bei Bewegung und Mobilität: Muskelschwäche, Koordinationsprobleme oder Spastik können das Gehen erschweren und das Sturzrisiko erhöhen. In der Betreuung ist es wichtig, körperliche Aktivität im Rahmen der individuellen Möglichkeiten zu fördern.
  • Umgang mit Fatigue: Viele Menschen mit MS leiden unter Fatigue, einer starken körperlichen und geistigen Erschöpfung. Pflegepersonen können unterstützen, indem sie den Alltag gemeinsam strukturieren.
  • Unterstützung bei Blasen- und Darmproblemen: Inkontinenz oder Restharn können sehr belastend sein und das Infektionsrisiko erhöhen. Pflegepersonen können durch Beobachtung, angepasste Routinen und Hilfsmittel unterstützen.
  • Sturzprophylaxe und Hilfsmittel: Durch Gangunsicherheit und Spastik ist das Sturzrisiko erhöht. Geeignete Gehhilfen, angepasste Schuhe und eine sichere Gestaltung der Wohnumgebung tragen dazu bei, Unfälle zu vermeiden.
  • Beobachtung von Veränderungen: Pflegepersonen können wichtige Veränderungen früh erkennen und ärztlich abklären lassen. Dazu gehören zum Beispiel neue neurologische Beschwerden, zunehmende Gang- oder Gleichgewichtsstörungen oder Veränderungen der Blasenfunktion.

Häufige Fragen zu Multipler Sklerose

Multiple Sklerose beginnt häufig mit unspezifischen neurologischen Beschwerden. Typische frühe Anzeichen sind Sehstörungen, Kribbeln oder Taubheitsgefühle in Armen oder Beinen, Muskelschwäche oder Gleichgewichtsstörungen. Oft treten diese Symptome erstmals im Rahmen eines MS-Schubs auf.

Multiple Sklerose entsteht nach heutigem Kenntnisstand durch ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Dazu gehören eine genetische Veranlagung, bestimmte Umweltfaktoren (zum Beispiel Vitamin‑D‑Mangel, Rauchen oder Übergewicht in der Jugend) sowie vorausgegangene Infektionen, insbesondere mit dem Epstein‑Barr‑Virus. Die genauen Ursachen sind noch nicht vollständig geklärt; nicht jede Person mit diesen Risikofaktoren entwickelt eine MS.

Nicht unbedingt. Der Verlauf der Erkrankung ist sehr unterschiedlich. Viele MS-Patientinnen und MS-Patienten bleiben über lange Zeit mobil. In manchen Fällen können Gehhilfen oder ein Rollstuhl im späteren Verlauf jedoch notwendig werden.

Quellen: