Herzinsuffizienz
Herzinsuffizienz, umgangssprachlich auch Herzschwäche oder Herzmuskelschwäche genannt, ist ein ernstzunehmendes und weit verbreitetes klinisches Syndrom. Das Herz ist nicht mehr dazu in der Lage, ausreichend Blut durch den Körper zu pumpen – entweder durch eine eingeschränkte Pumpleistung, oder weil es sich nicht mehr ausreichend füllen kann. Die Folge: Organe und Gewebe erhalten zu wenig Sauerstoff und Nährstoffe. Im fortgeschrittenen Stadium kann die Leistungsfähigkeit dadurch stark eingeschränkt werden.
In der Schweiz sind laut Schweizerischer Herzstiftung rund 200.000 Menschen von einer Herzinsuffizienz betroffen (Stand: 2020). Besonders häufig tritt Herzinsuffizienz bei Menschen über 65 Jahren auf. Sie ist einer der häufigsten Gründe für Krankenhaus-Aufenthalte im höheren Lebensalter und ein Hauptfaktor für den plötzlichen Herztod.
Um die damit zusammenhängenden Beschwerden zu reduzieren und ein aktives Leben führen zu können, ist neben der ärztlich verordneten Therapie auch der Lebensstil entscheidend.
Was ist Herzinsuffizienz?
Das Herz pumpt bei jedem Schlag Blut durch den Körper und versorgt die Zellen so mit Sauerstoff und Nährstoffen. Bei einer Herzinsuffizienz ist entweder die Pumpfunktion des Herzens eingeschränkt (systolische Herzinsuffizienz oder HFrEF – Heart Failure with reduced Ejection Fraction), oder es kann sich nicht mehr mit ausreichend Blut füllen (diastolische Herzinsuffizienz oder HFpEF – Heart Failure with preserved Ejection Fraction).
Je nach betroffener Herzhälfte bzw. Herzkammer kann zwischen Linksherzinsuffizienz, Rechtsherzinsuffizienz und Globalherzinsuffizienz (beide Herzhälften betroffen) unterschieden werden. Oft liegt eine andere Herzerkrankung zugrunde.
Chronische Herzinsuffizienz
Chronische Herzinsuffizienz entwickelt sich schleichend über Monate oder Jahre. Sie betrifft vor allem ältere Menschen. Zu Beginn der Erkrankung zeigen sich oft wenige oder keine Symptome, weil der Körper die verminderte Pumpleistung des Herzens kompensiert («kompensierte Herzinsuffizienz») – etwa durch einen schnelleren Puls oder die Verdickung des Herzmuskels. Im späteren Krankheitsstadium kommt es zu Wasseransammlungen in der Lunge, im Bauchraum und/oder in den Beinen.
Meist entsteht eine Herzinsuffizienz als Folge anderer Erkrankungen. Häufige Ursachen sind eine koronare Herzkrankheit, Bluthochdruck, überstandene Herzinfarkte oder auch langjähriger Diabetes mellitus.
Typische Beschwerden sind zunehmende Atemnot bei Belastung, Erschöpfung und Wassereinlagerungen. Die chronische Herzinsuffizienz verläuft in Stadien, die sich durch die körperliche Belastbarkeit und die Schwere der Symptome unterscheiden. Sie ist nicht heilbar, lässt sich aber mit Medikamenten, einem angepassten Lebensstil und gegebenenfalls medizintechnischen Massnahmen gut behandeln. Ziel der Therapie ist es, die Lebensqualität zu verbessern, Krankenhausaufenthalte zu vermeiden und das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen.
Akute Herzinsuffizienz
Die akute Herzinsuffizienz ist ein medizinischer Notfall. Häufig ist sie auf die akute Verschlechterung (Dekompensation) einer chronischen Herzinsuffizienz zurückzuführen. Es ist aber auch eine Neuerkrankung möglich, die sich innerhalb von Stunden entwickeln kann. Häufige Ursachen sind Herzrhythmusstörungen, Lungenembolien oder Herzmuskelentzündungen.
Typische Symptome im Überblick
Herzinsuffizienz führt zu verschiedenen Beschwerden, die im Krankheitsverlauf oft langsam zunehmen. Die Symptome treten je nach Form und Schweregrad der Herzinsuffizienz in unterschiedlicher Kombination und Ausprägung auf.
Zu den typischen Anzeichen einer Herzschwäche gehören:
Atemnot (Dyspnoe): Atemnot ist das führende Symptom einer Herzinsuffizienz. Sie tritt zunächst nur bei stärkerer körperlicher Belastung auf. Später bekommen Betroffene aber auch in Ruhe oder beim flachen Liegen nur schwer Luft. Schwere Atemnot im Liegen weist auf die Entwicklung eines Lungenödems (Wasser in der Lunge) hin.
Leistungsabfall und schnelle Erschöpfbarkeit: Durch die Unterversorgung mit sauerstoffreichem Blut sinkt die körperliche Belastbarkeit. Im fortgeschrittenen Krankheitsstadium werden auch alltägliche Aktivitäten zunehmend als anstrengend empfunden, und Betroffene fühlen sich schnell erschöpft.
Wassereinlagerungen (Ödeme): Bei einer Rechtsherzinsuffizienz kann sich Flüssigkeit im Gewebe ansammeln – meist in den Beinen, konkret den Unterschenkeln, Knöcheln oder Füssen. Die Schwellungen treten häufig abends verstärkt auf. Durch die Wassereinlagerungen kommt es auch zu einer Gewichtszunahme, die ein wichtiger Hinweis auf eine Herzinsuffizienz sein kann.
Nächtlicher Harndrang (Nykturie): Durch die Umverteilung von Gewebeflüssigkeit im Liegen wird nachts vermehrt Harn produziert. Das führt zu häufigem Wasserlassen während der Nacht.
Husten, besonders nachts oder im Liegen: Husten tritt bei einer Linksherzinsuffizienz auf, wenn sich Flüssigkeit in der Lunge ansammelt. Häufig verschlimmert sich der Husten im Liegen.
Herzklopfen oder unregelmässiger Herzschlag (Palpitationen): Herzrhythmusstörungen sind bei Herzinsuffizienz keine Seltenheit. Sie äussern sich als Herzstolpern, -rasen oder -klopfen und können zu Schwindel oder Schwäche führen.
Kältegefühl in Händen und Füssen: Eine verminderte Durchblutung durch die geschwächte Herzleistung kann dazu führen, dass Betroffene kalte Extremitäten haben.
Konzentrationsschwierigkeiten und Verwirrtheit: Eine verminderte Durchblutung des Gehirns, vor allem bei älteren Menschen, kann zu geistiger Verlangsamung oder sogar Verwirrtheit (Desorientierung) führen.
Appetitlosigkeit, Übelkeit und Völlegefühl: Bei fortgeschrittener Rechtsherzinsuffizienz kann der Blutstau den Magen-Darm-Trakt betreffen. Die Folge sind Appetitmangel, Übelkeit oder Völlegefühl nach kleinen Mahlzeiten. Zudem wurde festgestellt, dass das Herzhormon BNP eine appetithemmende Wirkung besitzt.
Die Symptome einer Herzschwäche können anfangs eher unspezifisch sein. Viele Menschen deuten sie fälschlicherweise als «normale» Begleiterscheinungen des Älterwerdens.
Im weiteren Verlauf werden die Beschwerden typischerweise stärker. Zum Beispiel treten Luftnot und Erschöpfung anfangs oft gar nicht, später nur bei Belastungen wie Sport oder Treppensteigen und schliesslich auch bei geringer Aktivität und in Ruhe auf.
Wie wird Herzinsuffizienz festgestellt?
Wenn der Verdacht auf Herzinsuffizienz besteht, führt der Arzt oder die Ärztin eine gründliche Befragung und Untersuchung durch. Zur Abklärung werden unter anderem folgende Tests gemacht:
- Blutuntersuchung, unter anderem zur Ermittlung des Herzhormons BNP bzw. NT-proBNP. Ein erhöhter Wert ist ein Anzeichen (Indikator) für eine Herzinsuffizienz und kann auch Aufschluss über deren Schweregrad geben.
- Ultraschall des Herzens (Echokardiografie), um die Pumpfunktion, Herzklappen und strukturelle Veränderungen des Herzens sichtbar zu machen.
- EKG (Elektrokardiogramm), um den Herzrhythmus zu überprüfen.
Je nach Ergebnis können weitere Untersuchungen folgen, etwa ein Belastungstest oder eine Herzkatheteruntersuchung.
Wie wird Herzinsuffizienz behandelt?
Je eher eine Herzinsuffizienz erkannt und behandelt wird, desto höher ist die Lebenserwartung der Patient:innen. Die Behandlung hängt davon ab, wie schwer die Herzschwäche ist, welche Ursachen zugrunde liegen und welche weiteren Erkrankungen gegebenenfalls noch vorliegen. Ziel der Therapie ist es, das Herz zu entlasten, die Beschwerden zu lindern und die Lebensqualität der Patientinnen zu verbessern.
Medikamente
Um eine Herzschwäche zu behandeln, können je nach Ausprägung und Beschwerdebild verschiedene Medikamente in verschiedenen Kombinationen zum Einsatz kommen. Dazu zählen unter anderem:
- Diuretika (“Wassertabletten”) entwässern den Körper und sorgen so dafür, dass Flüssigkeitseinlagerungen zurückgehen und die Betroffenen an Gewicht verlieren.
- ACE-Hemmer entlasten das Herz, indem sie die Gefässe erweitern und den Blutdruck senken.
- Betablocker sorgen für eine Entlastung des Herzens, indem sie den Herzschlag beruhigen und den Blutdruck senken.
- Ivabradin verlangsamt die Herzfrequenz weiter, wenn Betablocker nicht ausreichen.
- ARNI (Angiotensin-Rezeptor-Neprilysin-Inhibitoren) können unter gewissen Voraussetzungen statt ACE-Hemmern und Betablockern eingesetzt werden.
- SGLT2-Hemmer sorgen dafür, dass Zucker, Salz und Wasser aus dem Körper ausgeschieden werden.
- Weitere Medikamente je nach Bedarf
Eine regelmässige ärztliche Kontrolle und ggf. Dosisanpassung ist bei Herzmedikamenten besonders wichtig. Zudem sollten Patient:innen selbst auf Nebenwirkungen achten und ungewöhnliche Symptome stets abklären lassen.
Anpassung des Lebensstils
Die Mitarbeit der Patient:innen ist für den Therapieerfolg entscheidend. Die gewissenhafte Medikamenteneinnahme ist die tragende Säule der Behandlung einer Herzinsuffizienz, jedoch gibt es im Alltag noch weitere Hebel, an denen angesetzt werden kann. Dazu gehören unter anderem:
- Begrenzung der Flüssigkeitsaufnahme in Rücksprache mit dem behandelnden Arzt oder der behandelnden Ärztin: In der Regel sollten innerhalb von 24 Stunden nicht mehr als 1,5 Liter konsumiert werden. Unter gewissen Umständen, zum Beispiel bei hohen Temperaturen oder bei Durchfall, kann eine gesteigerte Flüssigkeitsaufnahme empfehlenswert sein.
- Reduktion des Salzkonsums
- Selbstkontrolle von Gewicht und Blutdruck: Eine rasche Gewichtszunahme innerhalb weniger Tage ist ein Alarmzeichen, da sie auf Wassereinlagerungen und damit auf eine Verschlechterung der Herzinsuffizienz hindeutet.
- Körperliche Aktivität, angepasst an die Belastbarkeit, sollte in Rücksprache mit dem behandelnden Arzt oder die behandelnde Ärztin in den Alltag integriert werden.
- Auf Alkohol und Nikotin sollte verzichtet werden.
Da sich eine Herzinsuffizienz rasch verschlechtern kann, ist es generell wichtig, dass sich Betroffene über das Thema informieren (lassen). So können sie den eigenen Gesundheitszustand gut beobachten und bei ungewöhnlichen Beschwerden oder Alarmzeichen angemessen reagieren.
Herzinsuffizienz in der Pflege
Herzinsuffizienz ist eine der häufigsten Diagnosen in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und der häuslichen Pflege. Pflegefachkräfte spielen eine zentrale Rolle bei der Versorgung und Überwachung der Betroffenen – insbesondere dann, wenn aufgrund anderer Krankheiten wie Demenz die Selbstkontrolle nur mehr eingeschränkt möglich ist.
Wichtige Aufgaben in der Pflege von Patient:innen mit Herzinsuffizienz
- Überprüfung bzw. Unterstützung bei der Medikamenteneinnahme: Die korrekte Einnahme der verordneten Medikamente ist für den Therapieerfolg einer Herzinsuffizienz entscheidend. Professionelle Pflegekräfte oder pflegende Angehörige unterstützen die Betroffenen dabei, achten auf Nebenwirkungen und halten bei ungewöhnlichen Symptomen oder sonstigen Auffälligkeiten ärztliche Rücksprache.
- Tägliche Gewichtskontrolle: Eine Gewichtszunahme von mehr als zwei Kilogramm in zwei Tagen kann auf eine Verschlechterung der Herzinsuffizienz hindeuten.
- Kontrolle von Blutdruck, Pulsfrequenz und Sauerstoffsättigung nach ärztlicher Anordnung
- Unterstützung bei der Körperpflege und Nahrungsaufnahme je nach individuellem Bedarf
- Überwachung der Flüssigkeitszufuhr
- Beobachtung von Symptomen wie Atemnot, Ödemen, Hautveränderungen und Kreislaufsymptomen
- Mobilisation und Förderung von Bewegung unter Berücksichtigung der Belastbarkeit
- Psychosoziale Betreuung: Patient:innen mit Herzinsuffizienz sind häufig verunsichert – verständliche Aufklärung und Gesprächsangebote sind wichtig, um Ängste zu nehmen, Fragen zu beantworten und so das psychische Wohlbefinden zu steigern.
Pflegefachwissen als entscheidender Faktor
Fachwissen in der Pflege von Herzinsuffizienz-Patient:innen ist essentiell: Sie erfordert ein hohes Mass an Beobachtungsgabe, Kenntnis pathophysiologischer Zusammenhänge und therapeutischer Massnahmen. Pflegefachkräfte müssen in der Lage sein, Symptome frühzeitig zu erkennen, die Wirkung und mögliche Nebenwirkungen von Medikamenten zu beurteilen sowie lebensstilbezogene Empfehlungen kompetent zu vermitteln. Nur mit fundiertem Wissen können sie adäquat auf Veränderungen im Gesundheitszustand und etwaige Notfallsituationen reagieren sowie die ärztliche Therapie effektiv unterstützen.
Fazit
Herzinsuffizienz ist ein ernstzunehmendes Krankheitsbild, das in Folge anderer Erkrankungen vor allem bei älteren Menschen auftritt. Sie ist nicht heilbar, aber gut behandelbar – wenn sie früh erkannt und konsequent betreut wird. Neben der ärztlichen Therapie sind pflegerische Massnahmen, eine gesunde Lebensweise und die aktive Mitwirkung der Betroffenen entscheidend für ein stabiles Leben mit der Diagnose. Für pflegende Angehörige ist es wichtig, sich umfassend über das Thema zu informieren. Professionelle Betreuer:innen lernen im Rahmen einer Ausbildung zur Pflegehilfe alles, was sie über die Pflege von Patient:innen mit Herzinsuffizienz wissen müssen.
Quellen
- Schweizerische Herzstiftung (2020): Leben mit Herzinsuffizienz. Downgeloadet von der Website https://swissheart.ch/webshop/leben-mit-herzinsuffizienz am 25.6.2025
- Deutsche Gesellschaft für Kardiologie, European Society of Cardiology (2021): ESC Pocket Guidelines, Akute und chronische Herzinsuffizienz. Auf leitlinien.dgk.org, abgerufen am 26.6.2025
- Wie funktioniert das Herz? Auf herzstiftung.de, abgerufen am 25.6.2025
- Prof. Dr. med. Gerd Hasenfuss: Linksherzinsuffizienz: Ursachen, Symptome und Therapie. Auf herzstiftung.de, abgerufen am 25.6.2025
- Herzinsuffizienz. Auf dhcz.charite.de, abgerufen am 26.6.2025
- Herzinsuffizienz. Auf usz.ch, abgerufen am 26.6.2025
- Herzinsuffizienz. Auf doccheck.flexicon.de, abgerufen am 26.6.2025
- Jens Richter und Eva Rudolf-Müller: Herzenzyme. Auf netdoktor.at, abgerufen am 26.6.2025
- Herzschwäche: Symptome sind oft unspezifisch. Auf herzstiftung.de, abgerufen am 26.6.2025
- Ein schwaches Herz macht schlechten Appetit. Auf meduniwien.ac.at, abgerufen am 26.6.2025
- Deutsche Herzstiftung e.v.: Deutscher Herzbericht (2024). Online abgerufen am 27.6.2025 unter https://epaper.herzstiftung.de